Seismografische Kompositionen 02 04 15 / Bleistift auf Papier / 59,4 x 84,1 cm
Seismografische Kompositionen 02 04 15 / Bleistift auf Papier / 59,4 x 84,1 cm

R F: Einige deiner Zeichnungen und Gemälde sind in Zusammenhang mit frei improvisierter Musik entstanden. Was reizt dich daran, zu zeichnen während im selben Raum ein Musiker auf seinem Instrument frei improvisiert?
M K: Die Zusammenarbeit mit einem life improvisierenden Musiker erlebe ich als große Bereicherung und Intensivierung meiner Arbeit. Es kommen Eindrücke in einem weiteren Sinneskanal hinzu und man nimmt kontinuierlich Bezug aufeinander. Das geschieht ohne Zwang, auf die Äußerungen des anderen reagieren zu müssen.
Besonders spannend finde ich die Momente, in denen die Musik eine unerwartete Wendung nimmt. Dann bin ich herausgefordert, dafür zeichnerisch eine Entsprechung zu finden. Beispielsweise werde ich in einer ruhigen Passage plötzlich mit einem Tonschwall konfrontiert. Mein Seismograph zeigt einen Ausschlag und ich gerate in einen neuen Gestus beim Zeichnen.
Wenn man mit Musik von einem Tonträger arbeitet, kann das auf angenehme Weise den Fluss beim Zeichnen unterstützen. Aber es wird zu keinen größeren Überraschungen kommen, da man die Musik ja kennt. Eine Life-Improvisation führt dagegen immer wieder zu Irritationen und erzeugt eine ganz andere Spannung. Der Raum füllt sich nicht nur mit akustischen Neuigkeiten, es findet auch eine persönliche Begegnung statt. Zwei Menschen reagieren emotional direkt aufeinander.
Ich habe die Möglichkeit, mitzuerleben, dass jemand etwas im Moment erfindet, an dem ich teilhaben und auf das ich zugleich reagieren kann. Das ist für mich das Interessante.

R F: Gibt es in deiner Art zu zeichnen und in der freien musikalischen Improvisation Gemeinsamkeiten, z. B. hinsichtlich der Vorgehensweisen oder der inneren Haltung?
M K: Im zeichnerischen Prozess erlebe ich viele Parallelen zur musikalischen Improvisation. Das Gewebe aus Linien und Formen entwickelt sich im Prozess des Improvisierens bzw. Zeichnens. Es ergibt sich aus dem Wechselspiel zwischen dem eigenen Handeln und der Wirkung, die die Musik oder das Bild auf einen ausübt. Klänge und Zeichen, Formulierungen, die auf diese Weise entstehen, sind irreversibel. Sie bleiben im Ohr oder auf dem Papier stehen und werden keiner weiteren Überarbeitung unterzogen. Der improvisierende Musiker oder Zeichner wirkt auf das Vorausgegangene oder Vorhandene nicht korrigierend ein. Vielmehr setzt er jede neue Äußerung in Beziehung zum Vorherigen und reagiert solange, bis das Ganze seine Schlüssigkeit hat.
Dafür braucht es Vertrauen und innere Sicherheit, dass jede Handlung im Blick auf das Ganze schon stimmen und die richtige Qualität haben wird.
Für den improvisierenden Musiker ist der Ausdruck dabei vollständig an den Moment gebunden. Seine Improvisation schlägt sich in keiner Partitur nieder, die anschließend abgespielt werden kann. Es bleibt nichts zurück als der Eindruck und Nachklang im Zuhörer und sein eigenes Erlebnis.
Für den Maler oder Zeichner gibt es dagegen am Ende ein Resultat, das den Prozess auf eine bestimmte Art konserviert und gleichzeitig aber auch für sich alleine steht. Das schätze ich sehr an meinem Medium.

R F: Würdest du bei den Arbeiten, die zusammen mit frei improvisierter Musik entstanden sind, sagen, dass nur beides, also Musik und Bild zusammen den ganzen Eindruck für den Rezipienten herstellen kann?
M K: Grundsätzlich glaube ich nicht, dass die verschiedenen Kunstgattungen einander bedürfen, um ihre Kraft zu entfalten. Wenn ich mit einem Musiker life zusammenarbeite, dann geben wir uns gegenseitig Impulse, die uns bereichern. Aber das geht nicht so weit, dass das Bild nur zusammen mit der Wiedergabe der Musik verstanden werden kann oder umgekehrt. Ich illustriere ja nicht die Musik, sondern lasse mich durch sie anregen. Insofern ist es nicht nötig, für die Betrachtung gleichzeitig die Musik zur Verfügung zu stellen.

R F: Ich höre heraus, dass du darin sogar eine gewisse Gefahr sehen würdest.
M K: Ja, denn das würde nicht unbedingt zur Klärung beitragen. Im Gegenteil, ich denke, es würde den Betrachter eher beschweren. Frei improvisierte Musik ist keine leicht verdauliche Kost. Sie folgt keinen Regeln und scheut keine Dissonanzen. Insofern denke ich, dass es eher anstrengend oder überfordernd wäre, wenn man beim Betrachten eines Bildes auch noch die Musik, die zu gleicher Zeit entstanden ist, aufnehmen müsste.